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Zwischen Wachau und Dunkelsteiner Wald

Sonntag, 15. April 2018
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Wozu am Sonntag so früh aufstehen, wenn uns der Zug um 9:04 Uhr für diese Wanderung allemal rechtzeitig nach Krems und der Bus an das südliche Donauufer nach St. Lorenz bringt? Hätte doch auch kein Frühaufstehen dagegen geholfen, dass die letzten Marillenblüten schon am Donnerstag abgefallen waren – wie man mittels der Wachauer Marillenblüten-Webcam sehen konnte. In St. Lorenz waren es schließlich 11 TeilnehmerInnen, die den steilen Weg gleich gegenüber der Bushaltestelle durch den Wald hinaufgingen, zu einem wunderbaren Aussichtsplatz mit Blick auf Donau, Weißenkirchener Weingärten und Waldviertel.

Anfang 1960 hatten Wachauer Mitglieder der „Kampfgruppe Jockisch“ hier ein „Friedenskreuz“ aufgestellt; 2004 wurde es erneuert, der Kameradschaftsbund Weißenkirchen übernahm die Aufstellung einer Tafel „Zum Gedenken für die gefallenen Helden der Kampfgruppe Jockisch“. Die Gruppe wurde 1942 aus genesenden Soldaten des Russlandfeldzuges zusammengestellt und eingesetzt im heutigen Kroatien, Bosnien und Weißrussland. Ab 1943 diente die Reservedivision, der sie zugehörte, v.a. der Partisanenbekämpfung.  Als sogenannte „Sühnemaßnahmen“ wurden Ortschaften niedergebrannt, Geiseln genommen und Zivilisten ermordet („Sühnequote“). Jahrzehnte später, beim St. Lorenzer „Friedenskreuz“, wurden Stahlhelme und ein Lorbeerkranz befestigt. Zur Problematisierung des hier manifest gewordenen Geschichtsbildes wurde 2014 ein Wettbewerb ausgeschrieben. Das alte Denkmal wurde nicht weggeräumt,  der Künstler Martin Krenn setzte vor das sogenannte „Friedenskreuz“ ein meterhohes transparentes Metallgeflecht mit einer Fotomontage von John Heartfield. Es zeigt eine Eiche, die eine kleine Hitlerfigur mit der Gießkanne bewässert. Die Eicheln aber sind kleine Geschoße, tragen Pickelhauben und Stahlhelme. Heartfield schuf das Bild 1933 und gab ihm den Titel „Deutsche Eicheln 1933“. Seine Werke wurden 1937 bei der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in der Gruppe „Zerstörung es Wehrwillens“ eingeordnet; er selbst war 1933 nach Prag, später nach London geflohen. 2014 blieben „Friedenskreuz“, alte Gedenktafel und die Kriegsdevotionalien erhalten und sichtbar – und damit jenes im Österreich der 1950er und 60er Jahre verbreitete Gedenken an einen Soldatentod, der die Ursache dieses Todes als Folge eines aus der NS-Ideologie kommenden Angriffskrieges verschwieg. 2016 erschien das Buch „Mahnmal. Friedenskreuz St. Lorenz“, herausgegeben von „Wachau Dunkelsteinerwald Regionalentwicklung“.

Der Weiterweg ermöglichte immer wieder Durchblicke durch die noch nicht voll belaubten Bäume zur Donau und auf die Weinhänge an deren Nordseite. Viele erkletterten die Hirschwand und gaben Anlass zu Fotoshooting mit heißen Bildern. Auf dem höchsten Punkt, dem Seekopf, erfolgte die zweite ausführlich Rast. Die Warte sollte entweder gesperrt oder umgehend repariert werden – eine der Eisenleitern ist an einem inzwischen gänzlich vermorschten Holzbalken befestigt; morgen hält er vielleicht nicht mehr. Am Seekopf teilte sich die Gruppe, einige TeilnehmerInnen mit Auto in St. Lorenz gingen mit Fritz Weinke den Meurersteig hinunter, wir anderen haben noch 2½ Stunden angehängt und  gingen nach einigem Bergauf und Bergab schließlich zwischen unglaublichen Felsfiguren das Kupfertal hinunter und landeten in Bacharnsdorf bei einem Heurigen, der „eigentlich“ nicht offen hatte und zum Getränk nicht einmal ein Stück Brot herausrücken durfte. Was sollten wir tun – wir konnten nur trinken. Und schaukelten mit Bus und Bahn nach Wien.

Walter Kissling

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